In der vergangenen Woche war ich für den fachlichen Austausch beim Workshop der Archive von Unten in Berlin und bin mit vielen neuen Kontakten, Impulsen und Ideen zurück nach Wien gekommen. Die Archive von Unten oder auch Bewegungsarchive sind ein loser Zusammenschluss von Archiven der (neuen) sozialen Bewegungen. Archive von verschiedenen Strömungen der Alternativenbewegung, von Frauen- und Lesbenbewegungen, der Schwulenbewegung, aus migrantischen und anarchischen Projekten, aber auch aus den Friedens- und Umweltbewegungen vernetzen sich dabei auf einer Mailingliste, sowie dem jährlich stattfindenden Workshop.
Durch die direkte Verbindung mit dem Nachtzug von Wien nach Berlin war die Reise ab Dienstabend ein angenehmes Erlebnis. So konnte ich am Mittwochnachmittag fit und motiviert zu meinem Arbeitstreffen mit den Kolleg:innen vom Grünen Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung erscheinen. Neben vielen Gemeinsamkeiten in der Arbeit gibt es natürlich auch einige Besonderheiten und Herausforderungen, über die wir uns intensiv austauschen konnten. Zum Schluss bekam ich eine ausführliche Führung durch die Archivdepots – auf die schönen Rollkästen bin ich schon etwas neidisch!
Am Donnerstag und Freitag folgte dann der diesjährige Workshop der Archive von Unten. Die im Netzwerk organisierten freien Archiven treffen sich einmal im Jahr, um gemeinsam Fragen der Archivierung zu diskutieren, abseits von staatlichen, kirchlichen, oder anderweitigen festen Organisationsstrukturen. Damit einher gehen oft prekäre Verhältnisse – Räumlichkeiten sind nicht primär auf Archivbedürfnisse ausgelegt und/oder müssen oft gewechselt werden, viele Personen sind ehrenamtlich beschäftigt, nur wenige haben eine fachliche Ausbildung. Die Themen und Fragestellungen sind natürlich trotzdem ähnlich wie in großen, finanziell abgesicherten Archiven: Ablageprinzipien, Sammlungsprofile, Organisation von Übernahmen, Digitalisierung, Öffentlichkeitsarbeit. Die gesuchten Lösungen müssen aber meist mit wenig oder ohne monetäre Unterstützung, sowie in den oft kleinen Teams von ein bis drei Personen umsetzbar sein. Kreative Ansätze sind daher ebenso gefragt, wie die Suche nach dem „Silber- oder Bronzestandard“, falls der Gold-Standard aus diversen Gründen nicht umsetzbar ist.

Beim diesjährigen Workshop standen die Themen Digitalisierungsstandards, KI im Archiv, Umzug mit einem Archiv und Archivinformationssysteme im Fokus. Eine eigene Session wurde für Erstteilnehmer:innen abgehalten, während sich die „alten Hasen“ diskutierten, welche Bewegungen bzw. Archive beim Workshop fehlen – so war zB. die Friedensbewegung gar nicht vertreten. Neben der AG „Neu Dabei“ war für mich die Einheit zu KI besonders wertvoll. Obwohl ich das Thema für mich im Grünen Gedächtnis vorab als wenig relevant eingeschätzt hatte, unter anderem wegen Zweifeln an der Praktikabilität in kleineren Archiven und Sorgen wegen der Datensicherheit, war die Session sehr spannend und beantwortete viele Fragen. So wurde über die Tendenz zu KI-Halluzinationen, die Umsetzung in geschlossenen Systemen ohne Internetzugang und die nötigen Programmierkenntnisse gesprochen. Auch wenn eine Umsetzung nach wie vor für mich kein einfaches, „Nebenbei-Projekt“ sein kann, sind die Möglichkeiten vor allem zur automatisierten Aufnahme von Inhaltsverzeichnissen in Zeitschriften und grauer Literatur weitere Überlegungen zur Machbarkeit wert.

Abgeschlossen wurde die Tagung mit einer Führung durch das Archiv des Schwulen Museums Berlin, die sehr spannend war und einmal mehr die Problematik in der bestmöglichen Aufbewahrung von gemischten Beständen deutlich machte. Für die Besichtigung der Ausstellungsräume blieb leider keine Zeit, da das Museum regulär bereits geschlossen war – bei meinem nächsten Besuch in Berlin steht aber fix auf der Tagesordnung!
(RG, 2026)