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312/366: „Wer zerstört die Stadt?“ Bagger und Polizei gegen die Hausgemeinschaft Aegidi/Spalo

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Der Umgang mit den BewohnerInnen der Aegidigasse 13 und Spalowskygasse 3 in Wien-Mariahilf bleibt als Negativbeispiel in Erinnerung, wie man sozialpolitische Konflikte nicht lösen soll, schreibt unser Gastautor Stefan Wolfinger.


Die Auseinandersetzung um die besetzten Häuser endete im August 1988 mit der gewaltsamen Räumung. Die Polizei setzte dabei Feuerwehrschläuche ein und riss sogar Teile der Gebäude mit einem Bagger ein, während sich noch Personen darin aufhielten. Diese unrühmlichen Aktionen stehen am Ende einer Entwicklung, in der es die Wiener Stadtpolitik nicht schaffte, mit den BesetzerInnen der Häuser eine gütliche Lösung zu finden.

Heterogene Gegenkultur

Dabei handelte sich bei der Übernahme der Häuser durch zumeist jugendliche und obdachlose AktivistInnen gar nicht um Hausbesetzungen im klassischen Sinn. Die Gemeinde Wien hatte schon 1982 dem Verein „Bulldog“, der die Errichtung eines autonomen Jugendzentrums zum Ziel hatte, das Haus Spalowskygasse 3 („Spalo“) zur Nutzung überlassen. Nachdem das autonome Kulturzentrum Gassergasse (GAGA) 1983 geräumt und abgerissen worden war, erhielt der Verein zusätzlich Wohnungen im Haus Aegidigasse 13 („Aegidi“).

Erneut wurde der Versuch unternommen, ein autonomes Jugendhaus in Wien zu etablieren. Rund 100 Personen lebten in den beiden Häusern, in denen sich neben 42 Wohnungen auch Räume für kulturelle Veranstaltungen und Werkstätten befanden. Die beiden stark renovierungsbedürftigen Gebäude teilten sich einen Innenhof. Neben antifaschistischen Aktionen engagierte sich die Bewohner der Aegidi/Spalo besonders auch gegen Abrissspekulationen, veranstalteten Stadtteilfeste und betrieben einen Infoladen, ein Beisl und ein Konzertlokal. Die Hausgemeinschaft war heterogen und bestand aus „Politischen/Autonomen“, „Kreativen“, Feministinnen, Punks und Junkies. Diese Zusammensetzung führte immer wieder auch zu internen Spannungen.

Viel größere Probleme machten allerdings die Bedrohungen von außen: Mehrmals attackierten Rechtsradikale die Häuser. Das alternative Wohnprojekt der „Punks“ stieß zudem auf Ablehnung seitens der Nachbarschaft. Zeitungen und auch die Bezirksvertretung Mariahilf, allen voran der ÖVP-Bezirksvorsteher Kurt Pint, polemisierten gegen die BewohnerInnen. Allein die BezirksvertreterInnen der Grünen standen dem Projekt positiv gegenüber.

Brutale Räumung

Im Juli 1986 kündigte die Gemeinde die Mietverträge und begründete das im Fall des Hauses Spalowskygasse mit der Baufälligkeit. Anfang August nahmen einige BewohnerInnen der Spalo das Angebot der Gemeinde an und zogen in zur Verfügung gestellte Ersatzwohnungen um. Der Großteil der BewohnerInnen lehnte es jedoch ab, ihre Bleibe zu wechseln. Am 11. August 1988 verlangte die Baupolizei Zutritt zu den leerstehenden Wohnungen in der Spalowskygasse. Das verweigerten die verbliebenen BewohnerInnen jedoch. Darauf unternahm die Polizei einen ersten Sturmversuch, der am Widerstand der BewohnerInnen scheiterte: Sie bewarfen die Polizisten mit Kalk, Möbeln und Baumaterial. Während die BewohnerInnen eine Delegation zu Verhandlungen ins Wiener Rathaus schickten, versuchte die Polizei erneut, in das Gebäude einzudringen.

Vermittlungsversuch

Pius Strobl, der Bundesgeschäftsführer der Grünen, versuchte zu vermitteln. Er teilte den Behörden mit, dass die BewohnerInnen bereit seien, zwei Magistratsbeamte, zwei Polizisten und ein Kamerateam einzulassen, damit das Magistrat seine Amtshandlung durchführen könne. Dieser Vermittlungsversuch scheiterte. Der damalige Baustadtrat Rudolf Edlinger behauptete, das Angebot sei gar nicht bis zu ihm durchgedrungen. Laut Strobl wurde auch ein privates Kaufangebot für das Haus von der Gemeinde Wien abgelehnt.

Die Polizei unternahm einen weiteren Sturmversuch und stieß wiederum auf massiven Widerstand. Auf Fernsehaufnahmen ist zu sehen, wie die Polizei in das Haus eindrang und einer der Polizisten schrie: „Ah, ihr Schweine! Wir kommen!“. Die BewohnerInnen der „Spalo“ flohen über den Hof in das Nebenhaus Aegidigasse. Der Abbruch des Hauses in der Spalowskygasse begann daraufhin unverzüglich. Nach Polizeiangaben wurden bei dem Einsatz neun Polizisten verletzt.

Bagger und Prügel

Am 12. August 1988 wurde gegen die in das Haus in der Aegidigasse geflüchteten BewohnerInnen Haftbefehle erlassen und ein Hausdurchsuchungsbefehl zugestellt. Ultimaten, sich zu stellen, verstrichen. Ein Angriff der Polizei auf das Haus in der Aegidigasse erfolgte ohne Gegenwehr. Die BewohnerInnen hissten die weiße Fahne. Dennoch setzte die Polizei einen Bagger ein, um in das Haus zu gelangen. Die Schäden durch diesen Polizeieinsatz dienten der Gemeinde Wien später als Begründung, warum das Haus abgerissen werden müsse.

In einen späteren TV-Interview erklärte ein Bewohner, warum die Polizei seiner Meinung nach mit solcher Brutalität vorgegangen war: „Die Polizisten haben damit gerechnet, jeden Moment aus dem Hinterhalt erschossen zu werden. So eine Erwartungshaltung haben die gehabt da drin … Es ist uns erklärt worden, dass wir aufpassen sollen, weil die Stiege rutschig ist – von einem sehr freundlichen Beamten … Kollegen haben den Leuten Beine gestellt, sie in den Schmutz geschmissen, mit Stiefeln getreten, mit Schlagstöcken behandelt, Faustschläge hat es gegeben, mit der Kante der Schilde ist auf die Leute eingeschlagen worden.“ Im Verlauf der gesamten Aktion wurden 67 Personen verhaftet. Im Haus wurden angeblich Waffen wie Molotowcocktails und das Rohr einer Panzerfaust (ohne Munition) gefunden.

Keine Verurteilungen

Die Verfahren gegen die HausbewohnerInnen wurden von den zuständigen Untersuchungsrichtern verschleppt. Am 25. August wurden alle Gefangenen entlassen, außer den Minderjährigen, die erst am folgenden Tag auf freien Fuß gesetzt wurden, und zwei Ausländern, die in Schubhaft kamen. Es kam zu keinen Verurteilungen, da niemandem eine konkrete Straftat nachgewiesen werden konnte. Der Verfassungsgerichtshof verurteilt 1991 das Vorgehen gegen die BewohnerInnen als „unmenschlich und erniedrigend“. Vor allem durch die schockierenden Bilder der Räumung kam es zu zahlreichen Solidaritätskundgebungen von Künstlerinnen, Intellektuellen und PolitikerInnen aus den Kreisen der SozialdemokratInnen und der Grünen. Die Kronen Zeitung sah hingegen in der „Grünen Schützenhilfe für kriminelle Hausbesetzer“ einen Polit-Skandal.

Nachleben im Flex und EKH

Verschiedene Versuche der Hausgemeinschaften Aegidi/Spalo, leer stehende Gebäude zu besetzen, scheiterten. Die Gemeinde Wien bot ein abgelegenes Haus beim Alberner Hafen an, was für die BewohnerInnen jedoch nicht infrage kam. Bewohner sagten im ORF-Fernsehinterview: „Wir versuchen ein neues Haus zu kriegen. Mehr oder weniger eine neue intakte Großfamilie zusammenzukriegen … Ich fühle mich mehr oder weniger schon im Recht. Warum steht dort ein Haus leer, wenn es 10.000 Leute gibt, die auf der Straße stehen?“ Die Gruppe zerstreute sich jedoch schlussendlich. Einige ehemalige BewohnerInnen der Aegidi/Spalo gründeten das Veranstaltungslokal „Flex“ in der Arndtstraße. Die „Politischen“ besetzten ein Gebäude, das der KPÖ gehörte, nannten es „Ernst Kirchweger Haus“ (EKH) und betreiben dort bis heute ein autonomes antifaschistisches Zentrum.

Zum Weiterlesen

  • Fernsehreportage über die Räumung der Häuser in der Sendung X-Large. 21. August 1988, www.youtube.com/watch?v=QH2DAZwA4k8
  • Dieter Schrage: Gegenkultur, autonome Jugendkultur in Wien seit 1945 (unveröffentlichtes Manuskript)
  • Erich Dimitz: Aegidigasse 13/Spalowskygasse 3. 1982/83-1988. In: Martina Nußbaumer / Werner Michael Schwarz: Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern. Katalog 381. Sonderausstellung des Wien Museums. Wien 2012. Seite 192-197
  • Besetzungsarchiv: Aegidi/Spalo

siehe auch den Beitrag „Brief an die Hausgemeinschaft Aegidi/Spalo“ vom 8. August 2016

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