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236/366: „Liegen Sie manchmal gerne im grünen Gras?“ – die Burggarten-Bewegung 1979-1981

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Gewähren Sie Rasenfreiheit! Der erste Beitrag unseres Gastautors Stefan Wolfinger widmet sich der Burggarten-Bewegung, die eines der ersten Lebenszeichen der Alternativbewegung in Wien darstellte.


Kyle Cheungs Bild aus dem Burggarten: Keep off the lawns! Lawns were made to be lied upon.
Kyle Cheungs Bild aus dem Burggarten: „Keep off the lawns! Lawns were made to be lied upon“. Flickr, 13. Juni 2011, CC-BY-NC-ND

Heutzutage werden hier Lachyoga-Runden abgehalten, Ice Cream Festivals gefeiert, Slacklines zwischen den Bäumen gespannt. Gruppen von Einheimischen und TouristInnen sitzen wie selbstverständlich auf dem Rasen. Ende der siebziger Jahre war der Wiener Burggarten jedoch ein Ort, an dem nicht nur symbolisch darum gekämpft wurde, wem der öffentliche Raum gehört. Damals gab es in Wien kaum Freiräume für Jugendliche, an denen sie sich ohne Konsumzwang treffen oder Veranstaltungen organisieren konnten. Dagegen wehrten sich spontan gegründete hierarchielose Gruppen von jugendlichen AktivistInnen, die sich im Frühjahr 1979 zur so genannten „Burggarten-Bewegung“ formierten.

Über das strenge Verbot des Betretens der öffentlichen Grünfläche des Burggartens wachten Polizisten der nahe gelegenen Wachstube. Unterstützt wurden die Ordnungshüter auch von älteren ParkbesucherInnen, die Verstöße mit Empörung und Genuss meldeten.

Unter dem Motto „Freiheit für den Burggarten“ begannen die AktivistInnen damit, sich einfach ins Gras zu setzen. Die Gegenseite reagierte zunächst noch harmlos: Sie begann, den Rasen beständig zu bewässern, um die Sit-ins möglichst unangenehm zu gestalten. Die DemonstrantInnen hielt das nicht ab, im Gegenteil: Sie fanden sich weiterhin jeden Samstag im Burggarten zusammen und ihre Zahl wuchs im Laufe von Frühjahr und Sommer 1979 auf 200 bis 300 an. Die AktivistInnen trafen sich auch regelmäßig zu Plenarversammlungen im Amerlinghaus und stellten politische und gesellschaftskritische Forderungen auf, etwa die nach einem selbstverwalteten Jugend- und Kulturzentrum.

Der „Kronen Zeitung“ war die Bewegung suspekt. Sie behauptete, dass die Jugendlichen nicht nur unerlaubterweise die Grünfläche betreten, sondern sich auch zu öffentlichem Rauschgiftkonsum, Sexorgien und sogar zum Entenmord treffen würden.

Am 15. September 1979 wurden die DemonstrantInnen schließlich von der Polizei im Burggarten eingeschlossen und mit Gummiknüppeln vom Rasen geprügelt oder verhaftet. Doch schon am nächsten Tag kamen erneut DemonstrantInnen, diesmal auch eine Gruppe, die von „Skandalsängerin“ Nina Hagen angeführt wurde: Die Künstlerin hatte am Vortag von den Protesten gehört und die BesucherInnen ihres Konzertes aufgerufen, sich den AktivistInnen anzuschließen. Wieder wurden DemonstrantInnen, die sich den Anordnungen der Polizei widersetzten, mit Gummiknüppeln und Faustschlägen „zur Vernunft“ gebracht. Einige wurden auch an den Haaren ins Polizeikommissariat geschleift.

Den „Tag der offenen Tür“ am 22. September 1979 nützten DemonstrantInnen, um das Wiener Rathaus zu stürmen. Um die Situation rasch zu entschärfen, versprach Bürgermeister Leopold Gratz den AktivistInnen der Burggarten-Bewegung einen Diskussionstermin am folgenden Samstag. Er werde prüfen, welche Grünflächen die Stadt Wien zur Nutzung anbieten könne, so der Bürgermeister. Gratz weilte zum vereinbarten Termin jedoch in den USA. Das Gespräch fand in seiner Abwesenheit mit VertreterInnen der Gemeinde statt und wurde vorzeitig und ohne Ergebnis abgebrochen.

Am 20. Oktober 1979 besetzten AktivistInnen der „Burggarten-Bewegung“ die Phorushalle, eine ehemalige Markthalle im 4. Bezirk, in der die Wiener ÖVP gerade einen „Ideenmarkt“ abhielt. Ziel der Besetzung war, hier ein Jugend- und Kommunikationszentrum zu schaffen. Mit einem Großeinsatz räumte die Polizei die Halle allerdings bereits am nächsten Tag.

Bis zum Frühjahr 1981 blieb die Bewegung mit Demonstrationen im Burggarten und anderen Teilen des ersten Bezirkes weiter aktiv. Im Mai 1981 zogen einige der AktivistInnen in das neu gegründete Kulturzentrum Gassergasse in Wien-Margareten ein.

Erst im Jahr 2007 hob die Stadt Wien das absolute Betretungsverbot von Rasenflächen der städtischen Parkanlagen auf. Ein Teil des vom Bund betreuten Burggartens ist heute als Liegewiese ausgewiesen. Für die übrigen Grünflächen gilt aber weiterhin: Betreten streng verboten!

Quellen

  • Nina im Burggarten: Und wieder Wirbel und Prügel. In: Arbeiter Zeitung, 17. September 1979, S. 5
  • Tumulte, Prügel im Burggarten. In: Kurier, 17. September 1979, S. 17
  • „Liegen Sie manchmal gerne im grünen Gras?“ Flugblatt der Studienrichtungsvertretung Politikwissenschaft an der Uni Wien. geschichtenort.eu/de/projekte/bewegung-im-burggarten/
  • Freiheit für den Burggarten! Chronologie der Burggartenbewegung. In: Arena Stadtzeitung 1981, Nr. 9, S. 49-51
  • Robert Foltin: Und wir bewegen uns doch: soziale Bewegungen in Österreich. Edition Grundrisse, Wien 2004
  • Nußbaumer, Martina / Schwarz, Werner Michael: Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern. Katalog zur 381. Sonderausstellung des Wien Museums. Wien 2012
  • StadtFilm: Burggarten (1979-1980). stadtfilm-wien.at/film/111/

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