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1/366: Freda Meissner-Blau gegen die „Wieder-Schlechtmachung“ Österreichs

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Der Einzug der Grünen ins Parlament vor dreißig Jahren ist der Anlass für unser Online-Projekt „366 x grün“. Der erste Beitrag in diesem Blog ist unserer ersten Klubobfrau, Freda Meissner-Blau, gewidmet, die am 22. Dezember 2015 mit 88 Jahren verstarb.  Am 29. Jänner 1987 kommentierte sie in einer ihrer ersten Reden im Parlament die Angelobung und das Programm der rot-schwarzen Bundesregierung (Vranitzky II) und charakterisierte dabei auch die Grünen als neue Kraft im Parlament.


Freda Meissner-Blau im Jahr 2009 in Zwentendorf. Foto: Manfred Werner/Tsui, CC-BY-SA
Freda Meissner-Blau im Jahr 2009 in Zwentendorf. Foto: Manfred Werner/Tsui, CC-BY-SA

//zitat// Meine Damen und Herren! Wir sind eine neue, eine kleine Gruppe hier im Parlament. Ich darf Ihnen zusagen: Wir sind keine Wölfe in einem grüngefärbten Schafpelz, als die wir so gerne hingestellt werden – auch ich persönlich -, die den Verrat an Österreich planen. Immer wieder wurde uns das unterstellt von den Parteisekretariaten und den Parteizeitungen. Wir streben mit allen sozialen, liberalen, toleranten und humanen Bürgerinnen und Bürgern nach mehr Freiheit, nach mehr Selbstbestimmung – nach mehr Selbstbestimmung! -, nach Mitbestimmung und mehr Annäherung unseres geltenden Rechts an Gerechtigkeit, nach der vielzitierten und stets verhinderten Durchflutung aller Lebensbereiche mit Demokratie.
Wir bestreiten jedoch die Vernunft eines irrsinnig gewordenen Industriesystems, wir vermissen die Gerechtigkeit der fälschlich so bezeichneten „sozialen Marktwirtschaft“, die immer mehr Ungerechtigkeit produziert. Wir wehren uns gegen die ungezügelten Machtansprüche der zentralen Parteiapparate, welche nämlich vor allem ihren eigenen Machtzuwachs betreiben, ständig neue Abhängigkeiten produzieren und die Ausdehnung ihrer Vormundschaft über immer mehr Menschen als ihr hauptsächlich politisches Ziel proklamieren. Wir sind die Opposition, weil wir uns gegen die Wieder-Schlechtmachung Österreichs wehren wollen.
Es gibt uns, die Grünen, hauptsächlich aus zwei Gründen, meine Damen und Herren: Noch vor einem Jahrzehnt verhallten die Warnungen der Wissenschafter – einer sitzt übrigens unter uns: Dr. Bruckmann – vor den drohenden Gefahren, die unsere Industriegesellschaft als Nebenprodukt ihrer Fortschritte und ihrer Scheinfortschritte produziert, weitgehend ungehört.
Immer wieder verwiesen die Parteien voller Stolz auf den ständig steigenden Lebensstandard – gemessen natürlich vor allem an Verbrauch und Verschleiß -, und wenn ab und zu größere Pannen passierten, behauptete man: Selbstverständlich, das ist der Preis für den unerhörten Wohlstand, den wir haben. Dieses reduzierte Menschenbild von ausschließlich Konsument und Produzent genügte ihnen. Die Masse der Manipulierten folgte ihnen auch sehr gerne auf diesem Weg. Doch die ersten großen Zweifel – und glauben Sie mir, die habe ich sehr stark miterlebt, und die haben mich politisiert! – an der Weisheit dieses Weges wuchsen aus der Diskussion um die Atomenergie. Vor neun Jahren erlitt das gesamte österreichische Establishment eine gewaltige Niederlage, die es bis heute noch nicht verkraftet hat. Wir erinnern uns noch, wie man uns, die Atomkraftwerksgegner, auch hier verhöhnt hat, verhöhnt als „gefühlsduselige Angsthasen“, als „Lichtabdreher“, als „Technikfeinde“, wechselweise als „Agenten Moskaus und der Ölscheiche“, als Leute, die Österreich Schimpf und Schande brachten. […]Das Wunschdenken so vieler Etablierter, es handle sich bei der ökologischen Bewegung um ein Strohfeuer, das im rauhen Klima der Massenarbeitslosigkeit und der harten Verteilungskämpfe verlöschen wird, wird von der noch viel rauheren Wirklichkeit sich häufender Teilkatastrophen ad absurdum geführt. Es wird sicher zum internationalen Bündnis derer kommen, denen es um Alternativen zur Rettung unser aller Zukunft geht. Aus der vorliegenden Regierungserklärung geht für uns eindeutig hervor, daß die Grundproblematik des unter einem steigenden Zerstörungs- und Verschwendungszwang stehenden Industriesystems von ihren Verfassern noch nicht begriffen wurde. //zitatende//


Quelle: Stenographisches Protokoll der Sitzung des Nationalrates am 29. und 30. Jänner 1987 (PDF, 18 MB)

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