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237/366: Von der Basisbewegung zur Partei. Eine Außensicht

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Parteien und Katholische Kirche im Gespräch (1999)

Die Veranstaltungsreihe „Parteien und Katholische Kirche im Gespräch“ fand von April bis Juni 1999 im Salzburger Bildungshaus St. Virgil statt. Alle fünf Parlamentsparteien wurden von der Österreichischen Bischofskonferenz zu einem Studientag eingeladen, an dem eine Momentaufnahme der Gemeinsamkeiten und Gegensätze versucht wurde. Nach einleitenden Referaten eines Zeithistorikers und eines Politikwissenschaftlers folgten  Grundsatzreferate von Vertreter_innen der Katholischen Kirche und der jeweiligen Partei. Am Nachmittag folgten Arbeitskreise und eine abschließende Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung.

Wir bringen heute im Blog eines der beiden Einleitungsreferate am Studientag mit den Grünen, in dem der Historiker Ernst Hanisch die Entwicklung der Grünen „Von der Basisbewegung zur Partei“ darstellt. Die anderen Beiträge werden in den nächsten Wochen veröffentlicht.

Mit freundlicher Genehmigung des Medienreferats der Österreichischen Bischofskonferenz.


// Die Grünalternativen sind tatsächlich eine neue Partei, im Gegensatz zur Altpartei FPÖ. Den klassischen Konfliktlagen, welche die Entstehung des europäischen Parteiensystems erklären — Staat versus Kirche, Kapital versus Arbeit, Zentrum versus Peripherie, dann die ethnischen Konflikte — gesellte sich in den 1970/80er Jahren der Konflikt Ökologie versus Ökonomie hinzu. Natürlich existierten Vorläufer, die Romantik mit ihrer Abscheu vor der Industrie, die konservative Kapitalismuskritik, die Theologie der Schöpfungsordnung, der Heimat- und Naturschutz um 1900, die Lebensreformbewegung als Begleiterin des ganzen 20. Jahrhunderts. Doch der eigentliche Entstehungszusammenhang der grünen Bewegung hängt mit dem Ende des Goldenen Zeitalters zusammen. So nämlich nennen die Wirtschaftshistoriker die Jahre von 1950 bis 1973. Nie vorher in der Geschichte hatte Europa einen solchen Wirtschaftsaufschwung erlebt, ein historisch einmaliger Zuwachs des Bruttonationalproduktes. Die Wirtschaftshistoriker streiten über die Ursachen, aber ein Faktor hebt sich klar ab: das sogenannte 1950er-Syndrom, die Ausbeutung billiger Energien, Strom und Erdöl. Daher wurde Kaprun zu einer Ikone des Goldenen Zeitalters, daher war der Ölpreisschock von 1973 weniger ein ökonomisches als ein symbolisches Ereignis. Die Fahnenwörter des intellektuellen Diskurses änderten sich, „Grenzen des Wachstums“ ersetzten die Fortschrittsparolen, es entstanden Brüche in den Mentalitäten. Der rebellische Katholik Heinrich Böll sprach 1973, eben im Jahr der Ölkrise, bei seiner Nobelpreisvorlesung von der instrumentellen Vernunft der westlichen Zivilisation: „Für die Poesie des Wassers und des Windes, des Büffels und des Grases … gab es nur Hohn — und nun beginnen wir westlich Zivilisierten in unseren Städten, den Endprodukten unserer totalen Vernunft…, zu spüren, wie wirklich die Poesie des Wassers und des Windes ist und was sich in ihr verkörpert.“ Der okzidentale Rationalismus, der das Grundgerüst der westlichen Zivilisation aufgebaut hat, geriet an einen kritischen Punkt.

Dazu kam ein weiterer Faktor: Das geschlossene politische System in Österreich wurde in den 1980er Jahren aufgesprengt. Überall entstanden Basisbewegungen, Bürgerinitiativen und lehrten die Herrschenden das Fürchten. Kein Baugroßprojekt kann mehr ohne große Konflikte durchgeführt werden. Das wiederum hängt mit der Pluralisierung der Lebensstile, dem Individualisierungsschub und der Bildungsrevolution zusammen, den Privilegien der reichen Länder. Der massenmobilierende Schlüsselkonflikt war Zwentendorf 1978. Seitdem gehört Österreich zum exklusiven Klub der kernenergiefreien Länder wie Norwegen und Dänemark, dem Klub der Reichen.

Im internationalen Vergleich ist Österreich ein Land mit einem hohen Umweltbewußtsein. 75 Prozent der Österreicher, aber nur 23 Prozent der Briten, sahen in den 80er Jahren die Gefährdung der Umwelt als großes Problem. Die Erklärung dürfte bei der österreichischen Identität liegen, die ganz wesentlich von der Landschaft bestimmt wird: als Land der Berge und Land am Strome. Wenn es allerdings in der Praxis darum geht, zum Schutze der Umwelt den Benzinpreis zu erhöhen, wird diese Forderung von der Bevölkerung deutlich zurückgewiesen.

2. Die Katholische Kirche schätzte den postmaterialistischen Wertewandel der 80er Jahre und fand Zugang zur Ökologie-, zur Friedens-, zur Anti-Atom-Bewegung. Die Parole der Bürgerbewegungen — Think globally, act locally — entsprach guter alter katholischer Tradition. Es spießte sich aber bei der neuen Frauenbewegung, die zunächst als Derivat der 68er Bewegung entstand. Die Frauen hatten es einfach satt, für die jungen Herren Revolutionäre Kaffee zu kochen und Flugblätter zu hektographieren.

In der historischen Perspektive der „langen Dauer“ ist die Frauenemanzipation wohl die wirkungsvollste sozialgeschichtliche Tendenz im 20, Jahrhundert. Jahrtausende der patriarchalischen Derealisierung der Frauen, die Vorgeschichten der Frauen wurden beendet. Die Frauen sind in allen sozialen Feldern in die sichtbare Geschichte eingetreten. Natürlich existieren noch viele Ungleichzeitigkeiten und Ungleichheiten, natürlich sind die mentalen Tiefenstrukturen, die Gefühlswelten nicht von heute auf morgen zu ändern. Es ist mühsam, in den Familien die alten Herrschaftsstrukturen abzubauen. Aber man soll nicht nur auf das Nichterreichte blicken. Gemessen an der sozialen Lage der Frauen um 1900 haben sich in den letzten Jahrzehnten ungeheure Veränderungen durchgesetzt, zumindest bei den Mittelschichten und im Bildungsbürgertum. Es gibt Rückschläge, die neue Armut beispielsweise trägt immer noch ein weibliches Gesicht, aber die Tendenz der Frauenemanzipation ist unaufhaltsam, und davon profitieren auch die Männer: Die Anstrengungen und Verhärtungen des Männerspiels werden etwas abgebaut; nicht umsonst sterben die Männer um Jahre früher als die Frauen. Die neue Frauenbewegung der späten 60er Jahre stieß auf eine der härtesten Männerorganisationen, auf die Katholische Kirche, wo der Vater als „Heiliger Vater“ überlebte. Der Konflikt entzündete sich im Symboljahr 1968. Es begann die sexuelle Revolution, mit vielen Verwerfungen, in Österreich besonders — Friedensreich Hundertwasser zog sich bei einer Vernissage demonstrativ nackt aus und vertrieb die erschreckte sozialistische Wiener Stadträtin Gertrude Sandner, gleichzeitig wurde in eben diesem Jahr das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ für drei Monate verboten, „wegen Reizung der Lüsternheit“ — und es erschien die päpstliche Enzyklika „Humanae vitae„, mit der Verurteilung der künstlichen Empfängnisverhütung. Damit riß eine Kluft zwischen den kirchlichen Moralvorschriften und den sexuellen Praktiken auch der gläubigen Katholiken auf. Die österreichischen Bischöfe haben diese Kluft mit der Mariatroster Erklärung zu mildern versucht, aber die Kluft zwischen der Kirche und einem Teil der Frauen vertiefte sich, als die neue Frauenbewegung als erstes Thema das Abtreibungsverbot politisierte: Bei der Muttertagsdemonstration 1971 in Wien trug ein Plakat die Aufschrift „Selbstbestimmung über den eigenen Bauch“. Ein Jahr darauf ließ sich die Aktionskünstlerin Erika Mis in einem „Schandkarren“ durch die Mariahilferstraße ziehen, von einem „Priester“ und einem „Arzt“ als Hüter der Ordnung begleitet. Mit einer Axt zerschlug sie den Karren —als Aktion der Befreiung, als Ausdruck der Autonomie der Frau.

Der radikale Feminismus mit seiner Männerfeindschaft, die Kritik der Familie als Repressionsinstrument, der Haß auf den KFM (Kleinfamilienmensch), der sexuelle Exhibitionismus des Wiener Aktionismus erschreckten nicht nur konservative Katholiken. Die Wohngemeinschaften und Kommunen erregten den sexuellen Neid der Älteren, ließen das Angstbild der sexuellen Anarchie entstehen. Aber das waren Kinderkrankheiten: Was zählte, war der lange Marsch der Frauen in die Institutionen. Bürokratische Absicherungen folgten: Frauenministerium, Frauenbeauftragte, Gleichbehandlungskommission. Die erreichte Autonomie der Frau eröffnete alternative Lebensperspektiven zu Heirat und Kindererziehung.

Institutionell ist die Katholische Kirche ein klassischer Männerbund. Zwar erfolgte im 19. Jahrhundert der Auszug der Männer aus der Kirche, es begann eine Feminisierung des Katholizismus; in der Pfarre, in den Laienorganisationen sind die Frauen höchst aktiv, aber in der sakralen Hierarchie stehen sie ganz unten: als Lektorinnen, Mesnerinnen, Kommunionspenderinnen und Ministrantinnen. Als ehemaliger Oberministrant weiß ich das durchaus zu schätzen. Aber klar ist: Das Thema Frau in der Kirche wird mit Sicherheit nicht verschwinden.

3. Die Grün-Alternativen sind eine dezidiert frauenbestimmte Partei. In einem deutlichen Kontrast zur Männerpartei FPÖ. Frau Petrovic und Herr Haider sind, so gesehen, ein durchaus exemplarisches Paar. Das Grüne und das Alternative, das Ökologische und das Basisdemokratische, erzeugen innerhalb der Partei eine gewisse Spannung. Das Alternative, Gesellschaftsverändernde konzentriert sich in Wien und lebt von den Impulsen der 68er-Bewegung, das Ökologische, stärker bürgerlich grundiert, ist in den Bundesländern dominant. Diese Spannungen haben die Grünen, seit ihrem Eintritt in das Parlament, seit 1986 also, ordentlich durchgeschüttelt, und die basisdemokratische Organisationsform sorgt für häufige Konflikte. Als Kleinpartei der jungen, hochgebildeten, urbanen Wählerschichten gibt es Schwierigkeiten, die Solisten in ein Orchester einzufügen. Das Radikaldemokratische, das Antiautoritäre, mit den außerparlamentarischen Protestformen — als Erbe von 1968 – zeigte sich in den zahlreichen autonomen Kulturbewegungen der 80er Jahre : die Aktion „Rasenfreiheit“ im Burggarten war dabei eine eher harmlose, aber dafür erfolgreiche Autonomiebewegung. Günther Nenning, freundlich gesagt eine ziemlich wandlungsreiche Intellektuellenfigur, personalisierte die Verbindung von 68 zu den frühen Grünen. Inzwischen sind die Grünen von einer Bewegung zur Partei gereift und sind aus dem parlamentarischen Leben nicht mehr wegzudenken.

Was die Grünen mit der Katholischen Kirche verbindet, ist die Bewahrung der Schöpfungsordnung, ist die Kritik an der Konsumgesellschaft, ist die Asyl- und Entwicklungspolitik; was sie trennt, ist das Antiautoritäre gegenüber der Hierarchie, ist das Weibliche gegenüber der sakralen Männerherrschaft. Freilich: Die 90er Jahre haben grüne Themen verblassen lassen. Die starken Worte der Gegenwart heißen Globalisierung und Shareholder value. Die Natur ist längst wiederum ein Thema zweiter Ordnung. Die Jugend feiert kommerzialisierte Love-Parties am Ring. Aber wer sagt, daß es dabei bleiben muß? //

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