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221/366: Brief an die Hausgemeinschaft Aegidi/Spalo

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221-aegidi-spalo-solibrief„Anläßlich des Jahrestags der Räumung und Zerstörung Eurer Häuser wollen wir Euch unserer Solidarität versichern bei der Durchsetzung des Projektes Embelgasse [ehemaliges Arbeitsamt, das im Gespräch als Ersatzquartier war, Anm.] und Eurer Forderung nach einem Kultur- und Kommunikationszentrum. Wir betrachten Eure Aktion als notwendigen Widerstand gegen die von allen etablierten Parteien organisierte Entsolidarisierung der Bevölkerung. Gleichzeitig appel[l]ieren wir an Euch und die Euch unterstützenden Personen, auf jede Form der Gewalt zu verzichten und alles in Eurem Einflußbereich Stehende zu unternehmen, das Prinzip der Gewaltfreiheit nicht zu verletzen. Militanz und Androhung von Gewalt widersprechen unseren politischen Vorstellungen, laufen unserem wesentlichen Basisinhalt ‚Gewaltfreiheit‘ zuwider und können von uns nicht mitgetragen werden“.

Heute vor 27 Jahren, am 8. August 1989, sandten Johannes Voggenhuber und Pius Strobl als Bundesgeschäftsführer der Grünen diesen „offenen Brief“ an die Hausgemeinschaft Aegidi/Spalo Wien.  Die Häuser Aegidigasse 13 und Spalowskygasse 3 in Wien-Mariahilf wurden nach dem Kündigen der Nutzungsverträge besetzt: Ein Jahr vor dem Brief – am 11. und 12. August 1988 – wurden sie unter Anwendung enormer Polizeigewalt geräumt, die Bewohner_innen wurden für zwei Wochen in Untersuchungshaft genommen.

Der Brief von Voggenhuber und Strobl sollte wohl Solidarität ausdrücken, andere AktivistInnen empfanden jedoch, dass der Brief oberlehrerhaft formuliert sei und die tatsächlichen Gewaltverhältnisse umkehre. Der Kulturaktivist und Grünpolitiker Dieter Schrage antwortete darauf seinerseits mit einem offenen Brief:

Wenn ihr schon von Gewalt sprecht, so müsstest doch zumindest du, Pius, dich daran erinnern, dass hier von der Gemeinde Wien ein einseitiger und brutaler Gewaltakt gesetzt wurde, dass mithilfe von Wasserwerfern, Baggern und Polizeiknüppel die Punks, Autonomen und Desperados aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Seid ihr beide blind gegenüber der strukturellen Gewalt in unserer Gesellschaft, die im Falle der Diskriminierung der Hausgemeinschaft zu deutlich zutage getreten ist? Wenn im Zusammenhang mit den Ägidis und Spalos von Gewalt gesprochen wird, dann muss zunächst einmal von der Gewalt der Gemeinde Wien und von der Prügelstraße der Polizei gesprochen werden. Das unterlässt ihr in eurem Brief völlig. Aber nur auf der Basis einer differenzierten politischen Erörterung kannte dann über die Berechtigung von Gegenwehr, Gegengewalt diskutiert werden.

Zitiert nach: Robert Sommer: „Gewaltfreiheit wäre schön“. Regierungen verschwinden, die schwarzen Blöcke bleiben / Teil 2. In: Augustin, 4. März 2014

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