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308/366: Johannes Voggenhubers „Berichte an den Souverän“

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Mit „Berichte an den Souverän“ lieferte Johannes Voggenhuber 1988 eine immer noch gültige Analyse verfehlter Stadtkultur und Städteplanungspolitik. Und eine Dokumentation grüner Anfänge in Salzburg. Unser Gastautor Stefan Wolfinger hat das Buch für uns gelesen.


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Johannes Voggenhuber: Berichte an den Souverän. Salzburg 1988

„Die durch das Auto zerstörte Stadt erträgt man am ehesten im Inneren eines Autos.“

Mit „Berichte an den Souverän. Salzburg: Der Bürger und seine Stadt“ erschien 1988 ein Werk, das die deutsche „Zeit“ als das „womöglich wichtigste politische Buch Österreichs in letzter Zeit“ bezeichnete. Gleichzeitig stellte das Blatt jedoch fest, dass es dort nahezu ignoriert wurde, wo es eigentlich hätte Furore machen müssen.

Autor Johannes Voggenhuber analysierte in den „Berichten“ die Stadtentwicklung am Beispiel der Stadt Salzburg. Gleichzeitig zog er Bilanz über seine Zeit als Salzburger Stadtrat, eine Funktion, die er von 1982 bis 1987 bekleidete und in der er für Stadtplanung, Altstadtsanierung, Verkehr, Umwelt und die städtische Baubehörde verantwortlich war. Außerdem schilderte er seinen Einstieg in die Politik und dokumentierte die Anfänge der Salzburger Bürgerliste, die eine der vielen Wurzeln der Grünen Partei darstellt.

Von der Kritik an der Baupolitik zur Bürgerliste

Voggenhuber machte sich Ende der siebziger Jahre als vehementer Kritiker der Salzburger Bau- und Planungspolitik einen Namen. Er engagierte sich in der „Bürgerliste“ gegen fragwürdige Großbauprojekte, die Zersiedelung der Landschaft durch die Umwidmung von Grün- in Bauland und die Zerstörung der Altstadt. Schlussendlich kandidierte er für den Gemeinderat. Der Preis für seine politische Arbeit war hoch: Voggenhubers Arbeitgeber, eine Versicherungsgesellschaft, ließ sich von seinen Kunden aus der Bauwirtschaft unter Druck setzen und kündigte ihm.

Die Wählerinnen und Wähler bestätigten jedoch die Linie der Bürgerliste: Bei den Gemeinderatswahlen 1982 erlangte sie fast ein Fünftel der Stimmen, sieben von vierzig Rathausmandaten und einen von fünf Sitzen in der Stadtregierung. Voggenhuber übernahm das Amt des Stadtbaurates und richtete einen Gestaltungsbeirat mit fünf namhaften in- und ausländischen Sachverständigen ein. In den kommenden fünf Jahren entwickelte Voggenhuber mit diesem Gremium das sogenannte „Salzburger Modell“: Die Altstadt wurde erfolgreich vom Autoverkehr befreit, Altbauten saniert. Ausgeschriebene Wettbewerbe brachten neue Architektur von internationalem Niveau nach Salzburg.

Analyse der Stadtentwicklung

Salzburg diente Voggenhuber in seinen „Berichten“ als Beispiel dafür, wie sich der Charakter einer Stadt zum Schlechteren verändert, wenn nicht für die menschlichen Bedürfnisse geplant und gebaut wird. Er betrachtete die Stadt als einen Ort, in dem Macht und Freiheit, Kultur und Demokratie sowie das Selbstbild des Menschen entstehen. Die Stadt sei ein Raum, der groß genug ist, um die Vielfalt der Lebensformen und Weltanschauungen zu versammeln und dicht genug, um sie beständig ineinander zu verstricken. Sie sei „ein Artefakt, ein kollektives Kunstwerk, Archiv und Mausoleum der Vergangenheit, Werkstatt und Labor der Zukunft.  Dieses Ideal der Stadt wurde allerdings – falls es jemals verwirklicht worden ist – nach dem Zweiten Weltkrieg völlig zerstört, so Voggenhuber.

Ein Syndikat von GroßgrundbesitzerInnen, Kaufleuten und BauspekulantInnen habe die Rolle des Bauherrn übernommen und zudem Stadtpolitik und Verwaltung für seine Zwecke instrumentalisiert. Seine wirtschaftlichen und politischen Strategien unterbänden einen kulturellen, sozial und ökologisch bestimmten Städtebau. Aus der Stadt sei ein Fremdkörper geworden, „ein Zerstörungsakt an der Natur, ein Rohstoffe und Energie verzehrendes, Gift und Abfall speiendes, lärmendes Ungeheuer, unwürdige Bleibe für alle, die im Kampf ums ‚Wohnen im Grünen‘ unterliegen.

Plädoyer für kritische BürgerInnen

Ein Aufstand zur Rettung der Stadt sei weder vonseiten der ArchitektInnen und StadtplanerInnen zu erwarten, noch von den ArchitekturkritikerInnen, der Verwaltung, den Gewerkschaften oder den UmweltschützerInnen. Voggenhuber plädierte für kritische BürgerInnen, die es in der Hand hätten, die Stadt nach ihren Bedürfnissen zu formen, da sie die BauherrInnen der Stadt sein sollten. Nur wenn die BürgerInnen einer aktiven Demokratie die Rolle des Souveräns ausübten, könne die Stadt gerettet und für ihre BewohnerInnen lebenswert gemacht werden. Die für Planen und Bauen verantwortlichen PolitikerInnen hätten die Pflicht, Anwältinnen und Anwälte der StadtbewohnerInnen zu sein.

Durch demokratische Entscheidungen solle die Stadt zu einer lebenswerten Umgebung gemacht werden. Bau- und Planungspolitik habe nicht die Verwertung der Stadt zu ermöglichen, sondern sie sei Kulturpolitik. Der derzeitige Zustand der Städte entlarve jedoch, dass die Demokratie noch nicht gesiegt habe und die Stadt zum bloßen Grundstücksmarkt verkomme. Voggenhuber belegt diese These mit minutiösen Beschreibungen der damaligen Machenschaften der Bauwirtschaft und der mit ihnen verbunden PolitikerInnen in der Stadt Salzburg.

Voggenhubers Buch kann auch heute noch als Handbuch zur Stadtkultur und Städtebaupolitik gelesen werden. Viele seiner Feststellungen haben leider in den meisten Städten immer noch Gültigkeit, etwa: „Kein Wohlstand kann wettmachen, was in einer derart mißgestalteten Wirklichkeit täglich an Lebensfreude erstickt wird“. Oder: „Die durch das Auto zerstörte Stadt erträgt man am ehesten im Inneren eines Autos. Diese Erfahrung schließt den Teufelskreis, in den die Entwicklung der Stadt unter der Herrschaft des motorisierten Individualverkehrs geraten ist.“

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