Was lese ich?
„Werner Kogler (Steiermark-Erfahrung)“.
Es handelt sich um eine handschriftliche Notiz auf dem Briefpapier des Büros der Grünen Alternative, Liste Freda Meissner-Blau, mit Sitz in der Museumsstraße in Wien.
Vermutlich ist die Notiz im Herbst 1986 angelegt worden.
Woran mache ich das fest?
Im vorliegenden Fall sind es die Dokumente, zwischen denen die Notiz abgelegt ist. Die stammen aus jener Zeit.
Wie ordne ich die Notiz ein? Wie interpretiere ich sie?
D.h. ich frage mich, welche Beweggründe die namentlich nicht identifizierbare Person zur Notiz bewogen haben könnte. Diese Interpretation kann frei sein. Vermutungen sind als solche zu kennzeichnen.
Während bei vier weiteren auf dem Papier genannten Personen, darunter Peter Pilz, die berufliche oder politische Funktion innerhalb der Grünen Partei aufgeführt wurde, hat bei Kogler die Herkunft den Ausschlag für die Notiz gegeben. Diese hat für die Aufmerksamkeit der notierenden Person gesorgt. Welche weiteren Motive sie hatte, muss offen bleiben.
Wie beurteile ich die Notiz?
Schon allein wegen der Vielzahl möglicher Motive wäre die Notiz heute, 35 Jahre später, ignorierenswert. Zufällig bin ich, der Archivar im Grünen Gedächtnis, bei der Sichtung dieses und weiterer Dokumente aus dem Nachlass von Werner Haslauer, dem 2019 verstorbenen grünen Urgestein und ersten Bundesgeschäftsführer, über den Namen gestolpert. Es ist eine der wenigen Stellen, an der Koglers Name dort überhaupt genannt wird (eine andere, prominentere Stelle sind die Dokumente, die im Zusammenhang mit dem Hainburger Einigungskomitee entstanden sind).
In welche Richtung bewege ich mich nun?
Zufälle sind oft flüchtige Momente. Gerade deshalb können sie sich aber einkerben bzw. eine Markierung setzen, beispielsweise auf Papier oder in der Erinnerung. Darüber lassen sie sich in Beziehung zur Gegenwart bringen. Spuren davon werden erkannt, eingeordnet, in Beziehung gesetzt und interpretiert. Das ist auch die Tätigkeit einer Historiker:in oder einer Archivar:in. Beide hoffen, durch ihre Aufmerksamkeit die Aufmerksamkeit anderer zu wecken – so wie die Grünen im Herbst 1986 hofften, mit den regionalen Erfahrungen Werner Koglers in der Steiermark mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.
Und dann?
Mittlerweile ist Werner Kogler österreichischer Vizekanzler und die Grünen Regierungspartei. Täglich wird ihnen innerhalb und außerhalb Österreichs die Aufmerksamkeit zuteil. 1986 dürften beide Seiten nicht erwartet haben, so viele Spuren zu hinterlassen, die für Aufmerksamkeit sorgen – nicht nur heute, sondern auch und vor allem in Zukunft. Wir dürfen gespannt sein auf die Form, den Inhalt und die Ausrichtung dieser Aufmerksamkeiten.

(Dieser Text wurde 2022 vom damaligen Archivar im Grünen Gedächtnis, Jan Kiepe, verfasst und mit seiner Erlaubnis veröffentlicht.)
Quelle: AT FREDA GG NLWH 192